Farben sind im Siebdruck und Risograph nicht nur Mittel zum Zweck — sie sind das, was ein Plakat lebendig macht. Die Herausforderung: Pantone-Farben, die Kunden oft benennen, basieren auf einer standardisierten Druckwelt, die nicht eins zu eins auf unsere analogen oder risographischen Tinten übertragbar ist. Teure Pantone-Charts erleichtern das Matching, sind aber nicht immer praktikabel. In diesem Beitrag zeige ich dir, wie ich Pantonefarben akkurat übersetze, ohne teure Farbkarten, und welche Methoden, Fehlerquellen und Tricks mir im Studio geholfen haben.
Erste Grundregel: Erwartungen managen
Bevor wir in die Praxis einsteigen: Eine exakte 1:1-Übertragung ist oft unrealistisch. Pantone-Chips sind auf einem bestimmten Papier, mit bestimmten Bedingungen gedruckt. Im Siebdruck oder bei Risographen wirken Tinten anders: Deckkraft, Sättigung, Papierweiß und der Druckaufbau (Flächendeckend vs. Raster) verändern die Wahrnehmung. Ich sage meinen Kund:innen meist: Wir kommen nahe ans Ziel — perfekt gleich wird es selten.
Was du wirklich brauchst — Werkzeugliste
- Gute Basis: eine zuverlässige Pantone-Referenz (wenn möglich: eine digitale Version wie Pantone Connect) oder eine offizielle PDF-Farbtabelle.
- Ein kleiner Farbmessgerät/Spektrometer ist ideal (z. B. X-Rite ColorMunki oder i1Display). Nicht zwingend, aber sehr hilfreich.
- Gute Druckproben: Papier, das dem Endprodukt ähnelt (z. B. 170 g Offset, naturweiß, stark saugendes Papier für Risograph).
- Notfall-Tools: Smartphone mit neutralem Weißabgleich und konstantem Licht (Tageslichtlampe), Lineale, Marker, Mischbecher.
- Tintenmischset bzw. Grundtinten im Siebdruck (CMYK + Weiß + Schwarz + evtl. einige Sonderfarben) und die verfügbaren Risograph-Farben.
Schritt-für-Schritt: Pantone übersetzen ohne Chart
Ich arbeite meist so: erst digital definieren, dann analog testen — immer iterativ.
1. Digitale Referenz erstellen
Wenn kein physischer Pantone-Fächer vorliegt, nutze ich Pantone Connect oder die Pantone-Farben in Illustrator/Photoshop. Wichtig: Stelle sicher, dass das Dokument in einem farbproof-fähigen Modus angelegt ist (sRGB/Adobe RGB als Ausgang, aber nie vergessen, dass Pantone eine Sonderfarbe ist). Exportiere eine PNG mit einem großen Farbfeld (z. B. 500 x 500 px) — das nutzt du später als visuelle Referenz beim Drucken.
2. Papier und Druckprozess festlegen
Die gleiche Farbe auf gestrichenem Kunstpapier vs. rauhem Offset sieht anders aus. Lege vorab fest: Siebdruck auf 200 g Offset? Risograph auf 115 g Naturpapier? Das beeinflusst Mischung und Farbauftrag.
3. Grobe Annäherung per Basisrezepte
Für Siebdruck greife ich häufig auf CMYK-Mischrezepte zurück als Ausgang. Für Risograph nutze ich die vorhandenen Riso-Farben als Bausteine. Beispiel: Ein warmes Pantone-Orange kommt bei mir oft durch Mischung aus leuchtendem Rot + etwas Gelb. Bei Risograph: wenn das gewünschte Orange zwischen RISO "Red" und "Orange" liegt, probiere ich Deckungsschichten und unterschiedliche Rasterliniaturen.
Praktische Tests: DIY-Farbswatches drucken
Der wichtigste Schritt: drucke immer Tests. So gehe ich vor:
- Drucke eine Serie kleiner Felder (z. B. 5 x 5 cm) mit verschiedenen Mischverhältnissen.
- Dokumentiere jede Mischung handschriftlich neben dem Feld (z. B. 70% Gelb + 30% Rot).
- Probiere unterschiedliche Auftragsstärken — dünner Auftrag, dicker Auftrag, einmal mit Sieb 90T, einmal 34T usw.
- Führe Tests mit und ohne Weißunterdruck durch (bei transparenten Tinten relevant).
Diese Karte kann man schnell selbst erstellen und ist Gold wert: Sie zeigt, wie die Tinte auf dem verwendeten Papier reagiert und wie Schichtung funktioniert.
Risograph-spezifische Tipps
Risographen haben eine begrenzte, aber sehr charakterstarke Palette. Einige Tricks:
- Nutze die Überlagerungseffekte: Zwei halbdurchlässige Farben übereinander erzeugen oft überraschend passende Töne.
- Arbeite mit dünnen Rasterungen, wenn du mehr Nuancen brauchst. Höhere Rasterfrequenz = feinere Mischung.
- Denke an die Reihenfolge der Farben: Aufgetragenes Gelb unter Rot ergibt ein anderes Ergebnis als umgekehrt.
- Halte eine eigene Riso-Farbkarte: Drucke Standardkombinationen (z. B. Cyan+Magenta, Cyan+Yellow, Magenta+Black) — das beschleunigt die Auswahl.
Wenn der Kunde die exakte Pantone-Nummer will
Manchmal besteht Kund:in auf exakter Übereinstimmung. Dann erläutere ich den Prozess transparent:
- Biete eine Testdruckreihe an und dokumentiere die Ergebnisse fotografisch.
- Zeige Unterschiede zwischen einem Pantone-Fächerfoto und dem analog gedruckten Feld.
- Wenn nötig: Messe mit einem Spektralfotometer und liefere Delta-E-Werte — das ist oft überzeugender als „Augenschein“. Ein Delta-E unter 2 ist in der Regel sehr gut.
Tricks für bessere Treue ohne teure Geräte
Nicht jeder hat ein Messgerät. Ich arbeite deshalb oft mit einfachen, wiederholbaren Methoden:
- Neutraler Beobachtungsort: gleiches Licht (Tageslichtlampe oder Nordfenster), konstante Bedingungen beim Vergleichen.
- Smartphone-Foto als Referenz: fotografiere das Pantone-Feld und die Probedrucke nebeneinander — aber achte auf Weißabgleich.
- Erstelle digitale Proofs mit ICC-Profilen (wenn verfügbar) — das hilft, grobe Verschiebungen früh zu erkennen.
- Notiere jede Mischformel präzise — so kannst du Ergebnisse reproduzieren.
Typische Fallstricke und wie ich sie vermeide
- Saugende Papiere: sie schlucken Farben, führen zu matteren Tönen. Lösung: mehr Farbstärke, oder Weißunterdruck beim Siebdruck.
- Unterschiedliche Chargen der Tinten: Riso-Tinten schwanken manchmal zwischen Tanks. Vor einem großen Auftrag teste ich immer zuerst einen kleinen Probedruck.
- Metamerie: Farbe kann unter verschiedenen Lichtarten unterschiedlich aussehen. Ich vergleiche immer unter der gleichen Beleuchtung.
- Fehlende Neutralbasis: Manche Pantone-Töne benötigen eine spezielle Basis (z. B. warmes Rot mit Orange-Anteil). Dann mische ich aus Basis- und Spezialtinten oder passe das Design an.
Hilfreiche Ressourcen
- Pantone Connect (kostenpflichtig, aber praktisch für Referenzen)
- X-Rite oder Datacolor für Messgeräte und Farbanalyse
- Online-Communities und Foren (z. B. r/printmaking, Risograph-Gruppen) — dort gibt es oft konkrete Rezepturen und Erfahrungswerte
- Meine eigene Farbkarte: Ich empfehle, eine physische Sammlung deiner häufigsten Rezepte anzulegen und regelmäßig zu aktualisieren.
Am Ende ist es immer ein Mix aus Wissen, Dokumentation und Experimentieren. Ich habe gelernt, dass gute Kommunikation mit dem Auftraggeber sowie präzise Tests mehr wert sind als teure Referenzkarten. Mit einigen einfachen Tools, strukturierten Tests und einer ordentlichen Portion Geduld lassen sich Pantone-Vorbilder sehr passabel in Siebdruck und Risograph übertragen — und oft entsteht dabei sogar etwas Neues und Eigenständiges, das besser zum Druckverfahren passt.