Ein Proof, das die endgültigen Siebdruckfarben zu Hause 1:1 widerspiegelt, ist ein Wunsch vieler Designer und Drucker — mich eingeschlossen. In der Praxis ist das anspruchsvoll, aber mit dem richtigen Workflow, ein paar einfachen Hilfsmitteln und systematischem Vorgehen erreichst du erstaunlich präzise Ergebnisse. In diesem Artikel beschreibe ich meinen persönlichen Prozess: von der Farbdefinition bis zum finalen Proof, inklusive Tipps zu Materialien, Druckparametern und Fehlerquellen.
Warum ein präziser Proof wichtig ist
Bevor wir in die Details gehen: Ein realistischer Proof spart Zeit, Material und Nerven. Er gibt Sicherheit bei Farbabstimmungen mit Kund:innen, ermöglicht frühzeitige Korrekturen und verhindert Überraschungen beim endgültigen Druck. Ich nutze Proofs nicht nur zur Freigabe, sondern als Experimentierfläche für Mischungen, Deckkraft und Überlagerungen.
Was braucht man – Material- und Werkzeugliste
- Sieb mit passender Maschenzahl (z. B. 43-90 T/cm je nach Detail und Farbe)
- Druckrahmen oder Tisch und eine saubere Rakel (z. B. 70–80 Shore)
- Siebdruckfarben (z. B. Speedball, Rutland, Wilflex; für texturtreue Proofs oft Plastisol oder Öl-basierte Farben)
- Farbmesser / Spektralfotometer (z. B. X‑Rite i1Pro, ColorMunki) – optional, aber sehr hilfreich
- Pantone-Fächer oder Ziel-Farbreferenz
- Testsubstrate (Papier, Karton oder das echte Zielmaterial)
- Transparente Filmschichten/Overlays für Übersieglungen und Registertests
- Neutral weißes Licht (Tageslichtlampe D65 / 5000 K) für die Betrachtung
- Mischbehälter, Spatel, Feinwaage
Farbdefinition und Referenz
Alles beginnt mit einer klaren Referenz. Wenn du eine Pantone-Farbe reproduzieren möchtest, lege den Fächer als Ziel fest. Bei kundenspezifischen Farben messe ich zuerst die Zielfläche mit meinem Spektralfotometer und speichere die Werte (Lab und/oder CMYK). Das ist wichtig: Farben sind abhängig vom Untergrund und vom Weißpunkt. Ein geprägtes, raues Papier reflektiert anders als ein gestrichenes Fotosubstrat.
Mein Tipp: immer das finale Substrat für Messungen verwenden. Wenn das nicht möglich ist, notiere die Papierart, Grammatur und Oberflächenbeschreibung – das hilft später beim Nachmischen.
Farbmischung – von der Theorie zur Praxis
Viele erwarten, dass Pantone = direkte Tube. In der Realität mische ich oft aus Grundfarbtönen (Cyan, Magenta, Gelb, Schwarz, eventuell Weiß, Ocker oder Spezialtöne). Vorgehen:
- Beginne mit einer kleinen Probemischung (5–10 g), notiere genaue Mengen. Eine Feinwaage mit 0,1 g-Auflösung ist Gold wert.
- Trage Mischproben auf dasselbe Substrat auf, das für den Proof genutzt wird. Trocknungs- und Glanzgrad beeinflussen den Farbton.
- Vor dem Messen lasse die Farbe vollständig abbinden – manche Pigmente verändern sich beim Trocknen.
- Vergleiche die getrocknete Probe unter standardisiertem Licht mit der Zielreferenz. Ändere die Mischung schrittweise.
Deckkraft und Transparenz kontrollieren
Siebdruckfarben haben unterschiedliche Deckkräfte. Für ein 1:1-Proof ist das entscheidend, weil halbtransparente Farben beim Überdrucken anders wirken als opake. Ich arbeite so:
- Erstelle Proben mit unterschiedlichen Farbschichten (einmal dünn, einmal dicker aufgedruckt).
- Teste Überdrucken: Drucke eine transparente Probe, darüber eine zweite Farbe, um die Mischwirkung zu sehen.
- Wenn nötig, füge ein Deckweiß hinzu oder wechsle zu einer opakeren Basisfarbe.
Siebauswahl und Druckparameter
Der Sieb-Mesh, Rakeldruckwinkel und Anpressdruck bestimmen Farbauftrag und Detailwiedergabe.
- Feinere Meshzahlen (z. B. 90 T/cm) geben weniger Farbe ab, besser für feine Linien. Grobere Meshzahlen (z. B. 43–55 T/cm) geben mehr Farbe und mehr Sättigung.
- Die Rakel-Härte: weichere Rakel legt mehr Farbe ab; härtere Rakel schiebt die Farbe dünner.
- Rakeldruckwinkel: flacher Winkel = mehr Druck, höherer Farbauftrag.
- Mehrere Schichten: für opake Flächen sind zwei dünnere Durchgänge oft besser als ein dicker, weil die Oberfläche gleichmäßiger wird.
Registrierung und Überdrucken prüfen
Ein korrektes Register ist für Proofs essenziell. Ich drucke kleine Kontrollzeichen (Kreuze oder Linien) an den Rändern und verwende transparente Overlays, um die Passgenauigkeit von Mehrfarbflächen zu prüfen. Achte besonders auf:
- Leichte Versätze, die Farben verändern können.
- Trap: minimale Überlappungen, damit keine weiße Linie zwischen Farben entsteht.
Licht und Betrachtungsbedingungen
Farben sehen unter verschiedenen Lichtquellen unterschiedlich aus. Deshalb beurteile ich meine Proofs stets unter einer D65-Lampe (5000 K) — das ist der Standard für Farbbetrachtung. Wenn du keinen Profi-Lichtkasten hast, arbeite in einer Tageslicht-ähnlichen Umgebung, vermeide Mischlicht (Glühlampe + Fenster) und beurteile nicht direkt nach dem Druck; lass die Farbe ausgasen und ruhe sich 24 Stunden aus.
Dokumentation und Reproduzierbarkeit
Am wichtigsten: dokumentiere alles. Notiere Mischformeln, Mengen, Siebmesh, Rakeltyp und -winkel, Temperatur, Luftfeuchte und Substrat. So kannst du die exakte Mischung reproduzieren. Ich habe ein kleines Laborheft, in dem jede Probe mit Foto, Messwerten und Datum verzeichnet ist.
Fehlerquellen und wie ich sie vermeide
- Unterschiedliche Substrate: immer auf dem finalen Material testen.
- Trocknungsunterschiede: mische mit Bindemittel oder passe den Druckauftrag an.
- Farbmetamerie: manche Pigmente sehen unter einer Lichtart gleich aus, unter einer anderen nicht. Standardisiere die Lichtquelle.
- Ungenaues Mischen: arbeite mit Waage, nicht mit Augenmaß.
Praktische Workflows, die ich nutze
Ein häufiger Workflow bei mir sieht so aus:
- Farbziel messen (Spektralfotometer) → Referenz speichern.
- Kleine Probemischungen anfertigen, auf Zielsubstrat drucken → trocknen lassen.
- Unter D65 messen/verglichen → Anpassungen notieren.
- Endgültige Mischung in größerer Menge herstellen, Proof drucken.
- Proof fotografieren mit Graukarte und im Profil archivieren.
Mit Geduld und Systematik bekommst du ein Proof hin, das deinem finalen Siebdruck sehr nahekommt. Wenn du willst, kann ich in einem weiteren Beitrag detaillierte Mischrezepte für typische Pantone- und CMYK-Nachbauten geben oder Beispiele aus meinem Notizbuch zeigen.