Ein Foto kann eine starke, lebendige Akzentfarbe liefern — die Farbe, die einem Poster oder einer Serie den nötigen Kick gibt. In meinen Plakaten passiert das regelmäßig: Ich sehe eine Farbstimmung in einem Schnappschuss, extrahiere daraus eine markante Farbe und setze sie im Siebdruck als kräftigen Spot ein. In diesem Beitrag zeige ich dir Schritt für Schritt, wie ich von einem Foto zu einer druckfertigen Akzentfarbe komme und welche Fallstricke du im Siebdruck beachten solltest.

Warum eine Akzentfarbe aus Fotos verwenden?

Fotos sind reich an Nuancen, Licht und Atmosphäre. Eine aus einem Foto gewonnene Akzentfarbe trägt diese Stimmung direkt ins Layout — sie wirkt organisch, überraschend und oft viel interessanter als eine standardisierte Pantone-Auswahl. Gleichzeitig muss die Farbe für den Siebdruck technisch angepasst werden, damit sie auf Papier oder Karton genauso strahlt wie auf dem Bildschirm.

Schritt 1: Die passende Farbe im Foto finden

Ich beginne mit einem ruhigen Blick auf das Foto. Meist suche ich nach einer Farbe, die im Bild relativ einheitlich und kontraststark gegenüber dem Hintergrund ist — das macht die Extraktion leichter und die Wirkung im Druck stärker.

Tools, die ich nutze:

  • Adobe Photoshop (Augentropfer, Farbfeld erstellen)
  • Adobe Capture (App für Smartphone, extrahiert Farbthemen)
  • Web-Tools wie Coolors oder Image Color Picker
  • Wichtig ist, dass du die Farbe nicht ausschließlich auf dem Display beurteilst. Displays variieren stark. Ich lagere die ausgewählte Farbe als Hex/ RGB-Wert und mache sofort einen Proof auf Papier (Drucker oder Ausdruck), um eine erste physische Einschätzung zu bekommen.

    Schritt 2: Farbwerte dokumentieren und umrechnen

    Sobald ich einen RGB- oder Hex-Wert habe, konvertiere ich ihn in ein druckbares Format. Für Siebdruck arbeiten wir am besten mit Spotfarben (einfarbige Siebdruckfarbe) — nicht mit CMYK-Farben. Zwei Wege sind möglich:

  • Direkt zu einer Pantone-Farbe matchen (Pantone Bridge ist praktisch).
  • Die Farbe als Mischrezept für unsere Siebdruckfarbe anmischen.
  • Ich nutze Photoshop/Illustrator, um den RGB-Wert in Lab- und CMYK-Werte umzuwandeln. Lab ist oft hilfreicher für eine gültige Farbanpassung, weil es geräteunabhängig ist. Für den finalen Spotfarbton versuche ich, ein Pantone-Match zu finden — das hilft bei der Kommunikation mit Druckereien und beim späteren Nachmischen.

    Schritt 3: Pantone vs. individuelle Mischfarbe

    Vor- und Nachteile abgewogen:

  • Pantone: Einheitlich, leicht kommunizierbar, viele Rezepturen verfügbar. Nachteil: Pantone-Fächer zeigt nur digital/gedruckt simulierte Farben und kann vom finalen Siebdruck abweichen.
  • Individuelle Mischfarbe: Maximal authentisch, weil direkt an dein Ziel angepasst. Nachteil: Braucht Zeit, ein gutes Auge und oft Messgeräte (Spektralfotometer) für präzise Reproduktion.
  • Ich persönlich fange oft mit Pantone an, feine die Farbe dann aber mit der tatsächlichen Siebdruckfarbe nach. Viele Siebdruckfarben sind opak/transluzent — das verändert den Eindruck auf dunklem oder strukturiertem Papier erheblich.

    Schritt 4: Praktisches Anmischen für Siebdruck

    Wenn du selbst mischst, beachte diese Punkte:

  • Nutze eine Basisfarbe (z. B. Buntlack oder ein universelles Siebdruck-Pigment) und füge kleine Mengen von Farbpasten hinzu.
  • Arbeite in Gramm, nicht in Volumen — Konsistenz ist entscheidend. Eine Küchenwaage mit 0,1‑g-Skala reicht oft.
  • Schreibe Mischrezepte sofort auf (z. B. 90 g Basis + 5 g Magenta + 3 g Yellow).
  • Testdrucke immer auf dem späteren Medium und bei derselben Maschenzahl/Schablone.
  • Ein Spektralfotometer (z. B. ColorMunki oder X-Rite i1) kann Wunder wirken: Es misst deinen Proof und hilft, das Mischrezept genau anzupassen. Wenn du keins hast, mach mehrere Tests mit kleinen Mengen und dokumentiere visuell.

    Schritt 5: Überlegungen zu Maschenweite, Schablone und Deckkraft

    Die Maschenweite des Siebs beeinflusst die Farbfläche stark:

    MaschenzahlWirkung
    43–55 T/cm (coarse)hohe Farbdeckung, dicker Farbauftrag, gut für flächige, opake Farben
    77–120 T/cm (mittel)gute Balance zwischen Detail und Deckkraft
    150+ T/cm (fine)feine Details, dünnere Farbe, weniger Deckkraft

    Für kräftige Akzentfarben verwende ich oft eine niedrigere Maschenzahl (z. B. 55–77), damit die Farbe opaker und satt wirkt. Achte auch auf die Schablonen-Übertragung (Emulsion) — bei sehr dicken Farben musst du die Emulsionsschicht vielleicht etwas dünner oder dicker auslegen, je nach Bedarf.

    Schritt 6: Trapping, Registration und Überdrucken

    Akzentfarben werden häufig als Spotfarben gedruckt. Zwei Dinge sind wichtig:

  • Registration: Eine Passgenauigkeit von ±0,5 mm ist realistisch, aber für sehr feine Kanten brauchst du präzise Ausrichtung. Nutze Passkreuze und eine gute Druckpresse oder Registerzange.
  • Trapping: Lege kleine Überdeckungen (Traps) an den Kanten an, falls zwei Farben aneinandergrenzen. Bei starken Kontrasten kann ein sehr minimaler Trap (0,1–0,3 mm) ausreichend sein.
  • Wenn deine Akzentfarbe über eine andere Farbe gedruckt wird, teste die Reihenfolge der Auflagen: Oft wirkt es am saubersten, die Hintergrundfarbe zuerst und die Akzentfarbe zuletzt zu drucken — besonders wenn die Akzentfarbe opak ist.

    Schritt 7: Papiersorte, Oberfläche und Farbwirkung

    Die Wahl des Papiers verändert den Farbton stärker als die meisten erwarten. Ein satter Gelbton auf mattem, rauem Karton wirkt stumpfer als auf glänzendem Papier. Ich teste immer auf dem finalen Substrat und notiere die Unterschiede.

  • Weißes, glattes Papier: maximale Brillanz
  • Naturpapier/Kraft: gedämpfte, „erdige“ Wirkung
  • Dunkles Papier: benötigt opake Basis oder Weißunterdruck
  • Für dunkle Papiere mische ich oft eine opake weiße Schicht (Unterdruck), bevor die Akzentfarbe aufgelegt wird — das sichert Brillanz und Farbtreue.

    Schritt 8: Testdrucke, Iteration und Dokumentation

    Das A und O: Testdrucke. Drucke kleine Proben, verändere Mischverhältnisse, dokumentiere alles und halte Fotos vom Prozess fest. Notiere:

  • Mischrezept in Gramm
  • Maschenzahl, Druckdruck (z. B. 2–3 mm Zug), Squeegee-Winkel und Härte
  • Substrat, Trocknungsbedingungen
  • Nur so kannst du später eine Farbe zuverlässig reproduzieren oder nachbestellen lassen.

    Praktische Tipps aus meiner Werkstatt

  • Arbeite mit kleinen Probemengen (20–50 g) bevor du größere Chargen anmischst.
  • Bewahre Farbpasten in luftdichten Dosen und beschrifte sie klar — Pulverpigmente setzen sich ab, pasten können sich leicht trennen.
  • Verwende einen Standard-Pantone-Fächer als Orientierung, aber vertraue letztlich dem physischen Testdruck.
  • Wenn du oft ähnliche Farben brauchst, erstelle eine kleine Rezeptdatenbank (digital oder als Karteikarten).
  • Wenn du magst, kann ich in einem künftigen Beitrag konkrete Mischrezepte (für gängige Acryl-/Siebdruckfarben) teilen oder eine Schritt-für-Schritt-Videoanleitung zum Mischen und Testen erstellen. Schreib mir, welche Farben oder Fotos dich gerade interessieren — ich antworte gern mit gezielten Tipps.